Wie ein Weihnachten in den 80ern für mich alles veränderte …. und wer hier überhaupt schreibt

Rückblickend wurde mir mein Leben erstmals* bewusst, als sich mein noch eingesteckter Lötkolben langsam selbständig machte und von einer kleinen stinkenden Rauchwolcke begleitet, langsam in das Gehäuse des Modems stach.

Ich hasse das heute noch, wenn ich irgendwo am Kabel hängenbleibe ohne es zu merken … und jedes Mal , wenn irgendwo ein neues Brandloch entstanden ist, denke ich an eine Lötstation, die mich davor hätte bewahren können. Doch aus unerfindlichen Gründen habe ich mir im Leben diese nie gegönnt.

Aber hey, so eine kleine geschmolzene Ecke ist auch ein Zeitzeugnis, eine hübsche Narbe, die uns an frühere Basteleien und Freunde erinnert. Warum sowas mit einer Lötstation gefährden? 😄

Es ist schon verrückt, dies sollte eigentlich meine längst überfällige Selbstdarstellung für das Forum64 werden und so wie es aussieht, wird das jetzt doch ein Blogartikel für meine RetroEcke daraus, da dieser Blog irgendwie nicht klein bleiben will.

Ich glaubte schon, ich tippe an der ersten Folge meines Retro Podcasts und hier wäre ja auch eine Selbstdarstellung essenziell. Doch ein guter Freund sagte mir erst, „Es gibt schon genug Podcasts, wo alte Herren von ihren Abenteuern in der alten Zeit erzählen“. Da mag er Recht haben, aber einige Zeit dachte ich wirklich, es würde sicher Spaß machen.

Aber je länger ich tippe, desto mehr Themen kommen wieder hoch und ich weiß garnicht, wie ich das Chaos in einer Zeitlinie ordnen soll. So komme ich zum Schluss, dass ich mich rückblickend einfach nur sehr glücklich schätzen kann, dass ich dank meiner alten (und neuen) Freunde, wohl so ziemlich jede Facette der Computerhistorie miterleben durfte. Ich heiße Jürgen Jester (Rusty Invader in Social Media), und mein Einstieg erfolgte mit dem wohl am meisten verkauften Heimcomputer der Geschichte: Dem Commodore 64.

Stunt Car Racer in der C64 Ecke
Stunt Car Racer in meiner C64 Ecke, die in einem Schrank begonnen hat

Dieser sollte auch nur kurze Zeit sein originales Dasein fristen, ehe die vielen Einflüsse (also in der Regel waren das andere tolle Menschen mit viel Computer KnowHow) mich dazu brachten, mich für die Hard- und Software im Detail zu begeistern. Hier lernte ich das löten, aber das hatten wir ja schon :-) und so erhielt mein 64er später über die Zeit eine Menge Upgrades. Vielleicht war das optisch auch nicht immer der Hit und die Eltern waren vielleicht auch mal schockiert, was aus dem teuren Gerät wurde, aber hey, wir waren Kids und nach meinem Blickwinkel wurde der Brotkasten so immer weiter verbessert.

Es ging ja nicht um einen Schönheitswettbewerb, sondern um Geschwindigkeit und Speicherkapazitäten. Mein Gott, was waren wir stolz – ohne arogant zu sein, aber mächtig stolz auf unser Hobby, von dem so viele anderen in der Zeit ja wirklich keinen blassen Schimmer hatten. Woher auch, das Internet oder Google gab es noch nicht um sich „mal schnell“ zu einem Thema zu informieren, wir hatten ja sogar noch einen Ausweis für die Stadtbibliothek. Wer von den Kids kennt denn heute noch sowas?

Aber eigentlich wollte ich nur ein Atari, wie mein Klassenkamerad Uwe

Eigentlich wollte ich als Schüler ja immer ein ATARI, das VCS 26oo, das ich erstmals an einem verschneiten WInterabend bei einer kleinen Foto-Quelle Filiale auf der Speyrer Hautstraße entdeckte. pong Ihr kennst es sicher, es war eines dieser Telespiele, das man an den Fernseher klemmte und nur noch eins der teuren Spielmodule reinstecken musste. Ein Schulfreund (Hallo Uwe!) hatte dieses Teil von seinen Eltern bekommen und ich bekam das Ding nicht mehr aus dem Kopf. Wir hatten ja nur ein Telespiel von Quelle, das auch Pong beinhaltete. Das war dieses „Tennis“, bei dem ein Viereck mit zwei Controllern wie beim Tennis hin und her gereflektiert wird … kennt ja jeder :) später wurde die Idee um 90 Grad gedreht, mächstig aufpoliert und Arkanoid, Amegas usw draufgeschrieben. Die Idee wurde tausendfach kopiert und ich merke, ich komme total von Thema ab.

Ja, wie fing es denn richtig an?

Vielleicht in der einzigen Arcade meiner Heimatstadt Speyer am Rhein, im Herzen des Rhein-Neckar Dreiecks. Hier entdeckte ich im ‚City‘ die ganzen coolen Spielautomaten dieser Zeit. Von Afterburner, Outrun oder auch TimePilot, eines meiner Lieblingsgames! Doch die echten Klassiker standen wo anders: Donkey Kong stand im Getränkemarkt vom EZA, dem Einkaufszentrum für alle (ich erinnere mich beim Spielen von Donkey Kong sogar manchmal noch an den Geruch der Getränkehalle, so sehr hatte mich Donkey Kong angezogen).

Der einzige Asteroids Automat stand kurz im Freibad von Speyer, doch verschwand der auch schnell wieder. Dann erinnere ich mich nur noch an die erneute Begegnung in unserem Landschulheim in Hochspeyer.

Ich glaube aber, ich bringe die Zeiten wieder etwas durcheinander. Gehen wir nochmal etwas zurück. Die Will-Will-Kurve erreichte mit dem Atari einen echten Höhepunkt in meiner Jugend, doch mein Vater hatte damals erst Krieg der Sterne auf Super-8 gekauft und viele werden sich erinnern das die einzelnen Filmrollen damals kosteten. Und dabei mochte er gar kein Star Wars! Da war nicht mehr viel für weitere Wünsche übrig.

Die ganz großen Abenteuer waren nur in 8 Bit möglich

Meine Reise in die Cyberwelt begann wahrscheinlich 1984 mit einem spektakulären Weihnachtsgeschenk. Zuvor hatte ich erst im städtischen Jugendzentrum einen Kurs auf einem Apple II besucht, da ich einen Apple II Freak aus der Schule kannte, besser gesagt war es das Equipment seines Bruders – echt teures Zeug. Christian Busch wohnte zu dieser Zeit am Wasserturm in Speyer und hatte mir damals gezeigt was der Unterschied zwischen den ersten Konsolen und den Computern war – die echt Freiheit für Programme und User :)

Meine Mutter hatte es damals auf sich genommen dem Söhnchen etwas zu kaufen, was dieser sich oft im Quelle-Katalog und bei Kaufhof gerne angesehen hatte. Einen ‚Brotkasten‘ eben.

Weihnachten an meinem C64 (heute)
Weihnachten an meinem C64 (heute)

Der Atari war im Vergleich um einiges billiger, daher hatte ich lange ein Auge auf den geworfen, denn
a. sagten mir die Spezifikationen im Schaufenster nichts und da wir nicht viel Geld hatten, würde ein C64 den finanziellen Wunsch-Rahmen sprengen.
b. kannte ich noch niemanden, der so ein ‚Ding‘ hatte und ich auch noch nicht ahnte, was man damit machen könnte.

Wie es so ist, wurde mir im Leben diese Entscheidung von einem ganz besonderen Menschen abgenommen. Meine Mam brachte mich mit ihrer Entscheidung für Commodore mit vielen ganz besonderen Menschen zusammen brachte. Sie war echt die beste Mom der Welt – eine echte Commodore Mom :)

So entschieden also damals meine Eltern, welcher „Gruppe“ ich angehören sollte. Für die, die es nicht wissen, sei gesagt, daß es die Commies und Atarianer gab. Ja es herrschte auf eine Gewisse Art und weise sogar auch hier ein Glaubenskrieg. Die Commies (hat nichts mit Kommunisten zu tun!1!11) steigen später um auf den Amiga und davon viele wiederum auf den PC. Atarianer (vom 600 und 800 XL/XE) der 8Bit Generation stiegen fast immer auf die (Mega)ST Reihe um und der Glaubenskrieg (welcher Computer denn nun der Bessere wäre) wurde auch dort freudig fortgesetzt. Zudem fanden die viele ST´ler wie man sie bei uns im Verein liebevoll nannte, später den Weg zum Apple Macintosh, die ich heimlich verehrte, aber jenseits jeden Budgets angesiedelt waren. Sie waren neidisch auf unsere Games und wir auf deren DTP Software.

Meine Mam hatte es jedenfalls damals auf sich genommen die Hardware bei Quelle zu kaufen und im Winter mit dem Fahrrad nach Hause zu schaffen. Einen C64 und eine 1541 Floppy. Zusammen kam das auf bestimmt 1500 DM zu dieser Zeit, einer Zeit wo das extrem viel Geld war! Meine Mam arbeitete an der Kasse und mein Dad ‚auf Heizung‘, da blieb eigentlich nicht viel.

Zu Ihrem Leid, sei noch erwähnt, dass sie leider nichtmal zugegen war, um meine großen Augen und die Begeisterung zu sehen, als mein Vater zwei Tage vor Weihnachten es nicht aushielt und mir offenbarte, was da in der Besenkammer unter dem Gerümpel versteckt auf mich und das Weihnachtsfest wartete. Ja, das war wirklich hart für sie, als sie am Abend von der Arbeit nach Hause kam und Söhnchen schon am Zocken war.

Raubkopien auf Datasette
So war das später: Viele Raubkopien auf Datasette, einem heute fast ausgestorbenen Datenträger

Als wäre es gestern gewesen: Das Rumgerutsche auf dem hellen Teppischboden vor dem Fernseher… Kabel rein, Fernseher anschließen und einschalten. Ein blaues und irgendwie rätselhaftes Bild bot sich: Ein Quadrat blinkte unter einem Ready und ich hatte wirklich noch keine Ahnung was zu tun ist. Vielleicht haben das andere ja auch so erlebt?
Na gut dass es zum Anfang wenigstens Handbücher gab und meine Mam auch noch ein Steckmodul zwischen die Geschenkte gepackt hatte. Pegasis hieß das Spiel und war das erste Game, das ich auf dem C64 kennenlernte.

Ich will ja jetzt keine vorschnelle Kritik abliefern, aber das Game war nun wirklich nicht so meins. Und so war es am Ende doch noch gut, dass es doch noch nicht Weihnachten war. Die Geschäfte waren noch offen und mein Dad gab mir noch etwas Geld, dass ich nochmals zu Quelle radeln konnte. Ich solle halt mal sehen, ob ich noch etwas anderes finde, was man vielleicht zusammen spielen konnte.

Nach Hause mit ‚Wizard of Wor‘

So kam ich in den Laden rein, wo dieser „böse alte Onkel“ seine Computer im Geschäft bewachte. Ja, es war ein echtes Ekel, der uns Kinder, die nach der Schule immer gern in seinem Laden die Kisten bestaunten irgendwann raus warf, da wir nichts kaufen woll… äh konnten. Doch diesmal war das natürlich anders. Ich stand wie vor einem heiligen Schrein an der Wand der Datasetten und Steckmodule. Die Hand krampfhaft um die Geldbörse geschlossen, sollte ich etwas später mit einem weiteren Meilenstein der Spielegeschichte nach Haus gehen. Und ich wurde fündig, neben Games von Quellesoft, Europa und Mastertronic … es war ein Spiel, das sich in meinem Leben fast immer als die Nummer 1 positionierte. Auch über alle folgenden Dekaden.

Wizard of Wor, damit ging ich jedenfalls zur Kasse. Das Cover war cool und sich die Beschreibung sich noch besser las. Das Cover verriet, es wäre eine Art von Labyrinth- und Ballerspiel, das man zu zweit spielen konnte – gleichzeitig, das war zu der Zeit echt eher selten! Naja, mein Dad mochte das Spiel nicht sonderlich, ich hätte vielleicht Soccer kaufen sollen aber … mit Fußball bin ich mein ganzes Leben nie warm geworden. Wahrscheinlich weil ich als Kind jedes Wochenende auf irgendeinem Dorf-Fussballplatz abhängen musste, wo total tote Hose war. Mein Dad spielte aktiv, aber konnte mich einfach nicht bekehren. Irgendwann war ich dann endlich alt genug, um Zuhause bei meinem C64 zu bleiben!

Erst etwas später kam dann noch die Datasette hinzu – das war das Kassettenlaufwerk, da viele Spiele auf Datasette bei uns Anfangs besser und vor allem günstiger zu bekommen waren. Wer kennt nicht die Reihe von Mastertronic (z.B. ‚The last V8‚) für 9.95 DM ? Ehe die Tauschparter und Netzwerke zu anderen geschaffen war, musste man sich die ersten Spiele schon kaufen … alleine am Anfang schon was zum Tausch zu haben, wenn man auf die anfänglich so gewissenlosen Dealer stieß, die erstmal erfahren mussten, dass man auch ganz cool drauf und kein Noob mehr war.

Last V8, Meine C64 Ecke heute
Leider habe ich keine Bilder aus der Zeit, also eines von „Heute“: Meine C64 Ecke im Januar 2023 mit Last V8 Ladebild

Schließlich erzählte eines Abends mein Vater beim Abendbrot von der Arbeit im Großlager, der damals recht bekannten COOP Lebensmittel Kette. Und von ein LKW Fahrer, der sich dort oft mit einem anderen Mitarbeiter beim Laden der Tagestour über Computer unterhielt. Tja, so ging der Bub in den Ferien mit zur Arbeit und lernte den Mann kennen, der ein ganz besonderer Freund und Mentor wurde und bei dem ich fast alles über den C64 gelernt hatte. Anti-Byte nahm mich regelrecht in die Familie auf, war gerne „Schuld“ an vielen folgenden Umbauten, der Anschaffung von Eprom Brenner und unzähligen Erweiterungen, Messebesuchen und so vielem mehr. Mannem‘ (Mannheim) die Quadratestadt wurde zu meinem allerliebsten Reiseziel. ❤️

Newsroom C64
Das Programm Newsroom auf dem C64, wenn schon nicht damals, so doch heute: Endlich als Original im Regal

Die ersten Jahre kamen einem eigentlich ewig vor, hier könnte ich mehr als ein Buch füllen. Trotz der Hausaufgaben von Anti-Byte, wo ich gelerntes noch weiter vertiefen musste, liebte ich natürlich klassische Computerspiele, wie auch die wöchentlichen Vereinstreffen des 1983 gegründeten Computervereins SMCC e.V. (Speyerer Micro Computer Club), der sich in den Nebenräumen der Gaststätte des Tierheims in Speyer traf. Auch hier passierten die interessantesten Dinge im Halbdunkel und nur von Computerbildschirmen beleuchteten Nebenzimmer. Von Besuchern des Restaurants wurden wir gemieden, denn dieses zwielichtige Verhalten der Computerleute war sicher für normale Leute schon etwas befremdlich. Selbst in der Nähe zur Tür wollte wohl niemand sitzen, da aus dem Raum immer so seltsame Geräusche drangen :)

Und neben der 64er, RUN der Happy Computer gab es noch einige Magazine, in die ich jeden Monat viel Geld und Zeit investierte. Abtippen der Listings gehörte damals auch gelegentlich dazu, wie viele erfolglose Versuche gekauften Programmen Ihren Kopierschutz zu rauben. Und wenn man doch mal erfolgreich bar, oder das Programm gar keinen Schutz hatte, verbrachte man Tage damit es mit einem eigenen kleinen Vorspann zu versehen, um den eigenen Namen in die Welt hinauszutragen um den ganzen Namenlosen stolz zu zeigen, dass man eben selbst einen hatte.

Neue Welten dank dem SMCC e.V.: Speyerer Micro Computer Club

CCR e.V. - Martin Jahners Amiga Projekt der digitalen Fotografie
CCR e.V. – Martin Jahners Amiga Projekt der digitalen Fotografie
Mit dem Eintritt in unseren örtlichen Computer Club SMCC, änderte sich (schon wieder) praktisch alles. So lernte ich nicht nur viel mehr Leute aus der Computer-Szene kennen, sondern lernte so auch sehr viel dazu .. und kam auch mit dem Kauf von Leerdisketten kaum noch nach.

Der Klang der Panflöten wenn das (schlechte) Marauder II Kopierprogramm gestartet wurde, das einfach gut klan, nice aussah aber nicht gut im kopieren war, lag genau wie der zugehörige Zigarettenqualm in der Luft.

Der Vorstand des Vereins wusste natürlich offiziell nichts davon, wenn es in den Jahren wieder und wieder mal zu einem Besuch der örtlichen Polizei kam. Das war der Anfang einer großartigen Zeit und dem Gewinn vieler neuer Freunde und Verbündeter.

Das MAC das Computermagazin des SMCC hab ich mal eingescannt und als PDF umgewurschtelt. Wenn Du Dich für diese Zeit interessierst, wirst Du darin interessante Artikel finden, die große Magazine zu dieser Zeit nie hätten drucken dürfen. Das MAC hatte nichts mit dem Apple Mac gemein, zu dieser Zeit gab es auch erst den Apple II.

Das MAC war das allgemeine Clubblatt des Speyerer Micro Computer Clubs. Leider hat die Zeit scheinbar nur dieses eine Exemplar überlebt. Ich bin inzwischen selbst froh, was ich es vor Jahren digitalisiert habe, fand ich die Ausgabe nach dem letzten Umzug auch nicht mehr sniff. Hier hab ich noch eins der alten MAC Magazine: Mac SMCC Magazin Juni 1985

Man nannte uns später die Kellerkinder. Und manche Menschen, die diesem Thema unwissend gegenüberstanden, fühlten sich bei unseren Club-Treffen scheinbar von unserem Hobby bedroht. Das ging soweit, dass sie sich lieber an die Ordnungshut um „Hilfe“ wandten. Leider hatten die Beamten in der Anfangszeit selbst nur einen Wissensstand, der sich kaum dem des Verkäufers bei „Kaufhof“ unterschied. Das ist nicht böse gemeint, irgendwo musste es eben beginnen und das waren die coolen Anfänge mitten in den 80er Jahren.

Wir waren nicht die Bösen und wollten es eigentlich auch nicht sein

Unsere eigene Hardware war meist den, in den Kaufhausregalen, so fremd es nur geht. Es galt, je schneller und umgebauter desto besser. Wir hatten mit den VW und OPEL-Clubs oft einiges gemein, denn wer schonmal einen Commodore Plus 4 mit verchromten Sidepipes gesehen hat, dem ist klar, dass sich der Kasten die „verdient“ hatte und es das Gerät eines echten Freaks war. Man lebte auch mit einer Lebenseinstellung, die sich derer unserer normalen Mitmenschen ziemlich unterschied – vielleicht wurden wir deshalb so oft seltsam beäugt. Doch das lag oft daran, dass wir neben ein paar Freunden in unserem Leben nicht viel mehr Beziehungen, als als zu Computern hatten.

Wir waren eine ganz neue frühe Randgruppe, die nichts mit Punks und Poppern gemein hatte. Wir lebten in unserer eigenen Welt, die wir selbst errichtet hatten. Dabei war es uns völlig egal, ob wir als Teenager noch von den Eltern eingekleidet wurden, oder welche Religion oder Hautfarbe ‚unsere Freunde‘ hatten. Wir fühlten uns pudelwohl in den 80ern.

Power Cartridge im C64
Endlich auch wieder gefunden, einst meine erste unverbastelte Erweiterung: Das Power Cartridge im C64

In dieser Zeit waren Freundschafen unter diesen Gleichgesinnten alles. Vermischt mit dem Reiz „des Verbotenen“, dem Geruchs von zu lange vorsichhinkochenden Lötkolben und den FTZ-Nummern neben den romantischen kleinen schwarzgelben Posthörnchenaufklebern hat das Leben einfach pulsiert. Die FTZ war eine Abkürzung für das Fernmeldetechnische Zentralamt, das der damaligen Bundespost unterstellt war. Hier wurde (peinlich genau) untersucht, was man am Telefonnetz anschließen durfte und was nicht. Ich sollte erwähnen dass Endgeräte in dieser Zeit über eine FTZ oder BTZ Nummer verfügen mussten, wenn diese in den Handel gebracht wurden. Das war natürlich ‚langweilig‘ und verursachte den einen oder anderen erhöhten Puls in unserem frühen Leben :-D

Die einen legten den Opel Manta tiefer, um die anderen zu beeindrucken. Bei uns war das ähnlich. Jeder versuchte andere damit zu beeindrucken, was oder welchen Computer man so an der Telefonleitung hängen hatte und das USR Dual Standard war in den 90ern bei uns allen ganz hoch im Kurs. Natürlich gab es das Modell nicht mit einer Post-Zulassung, aber das war ja gerade das tolle an der Sache :-)

Durch einen glücklichen Zufall überlebte ich nicht nur die 80er, sondern auch noch einen Verkehrsunfall, an dem ich und mein Fahrrad beteiligt waren. Der gebrochene Arm und die Fahrerflucht des Verursachers (und *fingerscrossed* dessen spätere Ergreifung) brachten mir die nötigen finanziellen Mittel ein, um mir kurz nach dem Erscheinen einen Amiga 1000 mit Sidecar fast neu kaufen zu können – der gefühlte Höhepunkt der Computergeschichte. Hier lernte ich die ersten Leute aus der Szene kennen und die neue Sucht der Datenfernübertragung war geboren – wodurch ich wieder viele viele neue Freunde kennenlernte. Wobei ich gerade wieder in der Zeit stolpere … auf dem Amiga hatte ich ein Lynkers 1200 von Westfalia Technika … das USR kam wohl erst mit dem PC, sorry.

Der Unterschied zu heute? Man identifizierte sich mit seinem Computer

happycomputerlogo

In zahlreichen Folgen der ehemaligen Computerzeitschrift Happy-Computer aus dem Markt & Technik Verlag, die man natürlich im Abo hatte, wurden die Comics von Guba & Ully veröffentlicht. Der Eichborn Verlag hat 1988 übrigens ein 40-seitiges Comicbuch mit dem Titel: KOSINUS. Computer-Kid. ‚Ich dich auch‘ herausgebracht. Wer eine kleine Erinnerung braucht, schau mal hier:

kosi1

plotter

praesident

Als ich dann wieder ein paar Jahre später vom Amiga auf einen 286er mit 12Mhz umstieg, zogen die ersten Freunde wie Anti-Byte nicht mehr mit. Es war für mich ein neues, unentdecktes Land und trotzdem verstand die Gründe der anderen Jungs damals nicht – das sollte sich erst viele Jahre später einstellen. Irgendwann bekam ich die Gelegenheit gebraucht ein 386er mit einem teuren 387er Coprozessor umzusteigen und das Board mit einer ET4000 auszurüsten. Das brachte mich dann zum ersten Mal in Kontakt mit 3D Studio für DOS :) das ich Dank meines Freundes Barry als Studentenversion kaufen konnte. Von da an vermisste ich Reflections auf dem Amiga nicht mehr. Und diese Begegnung sollte sich auf mein späteres Leben auswirken – noch heute arbeite ich mit dem Programm 3D Studio Max.

Von Hausdurchsuchung und der Beschlagnahmung hatte ich mich erholt (weil minderjährig), wie auch von dem selbstverschuldeten Verlust einer großartigen Hardware: In meinen PC nahm ich einst zu schnell ein Rekonfiguration vor uns setzte meine Roland Scc1 etwas schräg in den ISA 8-Bit Slot. Beim Einschalten sah ich nur ein helles „Licht“ neben dem Slot. Dieses nahm die Seele meines damaligen PCs, der Roland und einiger weiterer Peripherie mit und signalisierte mit einer Menge Rauch das Ende einer tollen Kiste. Diese Experimente wurden zu teuer und vielleicht ist auch das ein Grund, warum ich mich so gerne an den C64 erinnere, trotz der ganzen Baselei ist mir nie ein Stück Hardware gestorben.

Ja, das ist alles lange her. Heute kann ich meiner Tochter bei den ersten Gehversuchen helfen und nun ihr die Technik nahe bringen, die mein Leben so positiv verändert hat. Dass ich jetzt mehr und mehr Gelegenheit habe, am PC ein Spiel zu spielen, brachte mich dazu diese Seite zu starten. Hier testeten „wir“ gelegentlich Spiele – Du musst aber weit zurückscrollen, das ist viele Jahre her. Und gerade jetzt freue mich mich sehr, dass ich Dich da draußen an Deinem Empfangsgerät gefunden habe.

Meine erste Wohnung, das Computerzimmer mit einem Pentium 100 und einem Pentium 90
Meine erste Wohnung, das Computerzimmer mit einem Pentium 100 und einem Pentium 90

Auch wenn ich sicher noch ein Busch schreiben könnte, muss ich den Blog hier erstmal beenden. Ich möchte mich bei allen Leuten bedanken, die diese Zeit zu einer spannenden Reise in eine ungewisse Zukunft gemacht haben, ich werde euch nie vergessen. Und auch wenn schon einige meiner besten Freunde nicht mehr da sind – Rainer Wöhrle (Anti-Byte), Jürgen Ernsdörfer und Olaf Boos (Blue Elephant), ihr werdet mir unvergessene Freunde bleiben. Das Leben kann wirklich gemein sein :/ ich hoffe wir sehen uns irgendwann wieder!

Viele Grüße
Jürgen aka Rusty_Invader :)

Selfie mit der Casio QV 100
Mein erstes „Selfie“ mit meiner Casio QV 100: Eine alte Aufnahme mit meinem Pentium 100 und dem damals so geliebten Aldus Photostyler

*zum zweiten Mal und so richtig begann mein Leben mit meiner lieben kleinen Familie hoch oben im Norden. Danke dass es euch gibt :-)

Zum Mitnehmen: Download des Mac SMCC Magazin vom Juni 1985

Danke an meinen Freund Stephan vom https://brotkasten.blog/, der beinahe täglich dafür sorgt, dass mein Retro-Feuer nicht erlischt… ein Feuer, das mich ganz sicher auch bis zum Ende des Weges begleiten wird. Danke Dir dafür ❤️

Jürgen

Ich bin Jürgen und als glücklicher Familienpapa und arbeite als Mediendesigner in Wiesmoor und entdecke mit unserer kleinen Familie die Welt. Was uns wichtig erscheint, müssen wir hier in unserem Blog niederschreiben. Abonniere uns, damit du immer auf dem Laufenden bleibst: Wir posten Fotos auf Instagram und haben dem Podcast nun auch einen Kanal unter Friesenzeit dort eingerichtet :-) Bis bald! PS: 'Nakieken' ist übrigens Plattdeutsch und bedeutet soviel wie "genauer hinsehen" und genau das ist Programm hier im Blog.

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