Friesenzeit (Podcast)

Die Sage der klugen Nonne Etta vom Klostervorwerk Oldehof – Friesenzeit #16

Friesenzeit Folge 16

Moin und herzlich willkommen zur „Friesenzeit“. Schön, dass Du wieder dabei bist. Vor einigerZeit habe ich ein altes Buch auf Rebuy gefunden, dessen Inhalt uns heute weit zurückführt – und zwar nehme ich euch mit in das Jahr 1528.

Es ist eine Zeit, in der das Leben hier im Land viel gefährlicher war, als wir es heute kennen. Die Marschen waren tiefer, die Moore dunkler und die Macht der Grafen oft so unumstößlich wie die aufkommede Flut. In dieser Zeit lebte Graf Enno der Zweite. Er war ein Mann, der das Leben in vollen Zügen genoss, und eine seiner großen Leidenschaften war die Jagd.

Doch wie es oft so ist mit den Mächtigen – und das hat sich leider seither nicht geändert: Wenn ihnen etwas gefällt, dann wollen sie es besitzen. Und genau dieser Wunsch des Grafen führte zu einer Begebenheit, die wir heute als die Legende der klugen Nonne von Oldehof kennen.

Stellt euch einen klaren Herbsttag vor. Die Luft riecht bereits nach feuchter Erde und aufziehender kalter Nächte. Graf Enno war mit seinem Gefolge auf der Jagd. Sie hatten den ganzen Tag die Wälder und Wiesen des Moormerlandes durchstreift.

So kamen Sie erschöpft, aber zufrieden mit dem Verlauf der Jagd zu Halt im Schatten unter einem gewaltigen Baum, dem „Biggenboom“. Das war eine weithin bekannte Eiche, so alt und mächtig, dass man sagte, ihre Wurzeln reichten bis in die Unterwelt.

Während Enno dort lehnte und den Schweiß von der Stirn wischte, glitt sein Blick über die weite Ebene. Und dort, am Horizont, sah er das Vorwerk Oldehof liegen. Es gehörte zum Kloster Barthe.

Die roten Backsteine leuchteten im Licht der tiefstehenden Sonne, und der Rauch der Kamine stieg friedlich in den Himmel. In diesem Moment reifte in Enno ein Plan. Er sah nicht das einfache Leben der Nonnen, die dort arbeiteten und beteten. Er sah ein Jagdschloss. Er sah Prunk, Feste und einen Ort, an dem er sich nach der Jagd zur Ruhe betten konnte.

Wohl noch am selben Abend, ließ er den Befehl verfassen: Die Nonnen sollten Oldehof räumen. Für ihn war es diese Entscheidung nur ein Federstrich, doch für die Frauen im Vorwerk war es der Verlust ihrer Heimat, ihrer Sicherheit und ihres Lebenswerks.

Als der Bote des Grafen die Nachricht in Oldehof überbrachte, brach unter den Nonnen Verzweiflung aus. Wir müssen uns vorstellen, dass diese Frauen damals kaum Rechte hatten. Ein gräflicher Befehl war Gesetz. Die Äbtissin und die älteren Schwestern waren ratlos. Sie sahen sich schon mit des Klosters Hab und Gut auf den schmutzigen Landstraßen, vielleicht sogar ohne Ziel und ohne Brot.

Doch unter ihnen war Etta – Etta war eine Bauerntochter aus dem Dorf Selverde und keine hochrangige Nonne. Sie hatte das Landleben im Blut. Sie wusste, wie schwer es war, den Boden zu bestellen, aber sie kannte auch die Eigensinnigkeit der friesischen Natur. Während die anderen klagten, saß Etta schweigend am Tisch und dachte nach. Sie wusste, dass man einem Grafen nicht mit Gewalt widersprechen konnte. Aber man konnte ihn vielleicht bei seiner Ehre packen.

Etta schlug vor, nicht zu fliehen, sondern direkt zum Grafen nach Aurich zu reisen. Sie überzeugte die Äbtissin und die älteste Mitschwester, sie zu begleiten.

Ja es muss schon ein beeindruckendes Bild gewesen sein: Drei Frauen in ihren schlichten Kutten, die den weiten Weg durch Schlamm und Wind auf sich nahmen, um vor den mächtigsten Mann der Region zu treten.

Der Pakt mit Graf Enno in Aurich

In Aurich angekommen, ließ man sie warten, bis der Graf ihnen Gehör schenkten wollte. Schließlich wurden sie vor Enno geführt. Er war mit sicherheit überrascht, die Frauen zu sehen, und sicherlich war er in diesem Moment sogar ein wenig amüsiert über ihren Mut.

So soll Etta das Wort ergriffen haben. Sie sprach ruhig und respektvoll. Sie erhob keinen Anspruch auf das Land, denn sie wusste, dass Enno darauf natürlich nicht hören würde. Stattdessen berief sie sich auf das alte Gnadenrecht. Ein Recht, das besagte, dass selbst dem schlimmsten Verbrecher eine letzte Bitte gewährt werden musste, bevor das Urteil vollstreckt wurde.

Sie fragte den Grafen direkt, ob er ihnen, den Dienerinnen Gottes, dieses Recht verweigern wolle. Enno, der sich als gerechter Herrscher sah, konnte hier kaum Nein sagen. Er stimmte zu.

Ettas Bitte klang bescheiden, fast schon kleinlaut: Sie bat darum, den geliebten Boden nur noch ein einziges Mal besäen und die Ernte einbringen zu dürfen. Sobald die Früchte dieser letzten Saat geerntet seien, würden sie den Hof verlassen und dem Grafen für sein Schloss überlassen. Enno rechnete kurz im Kopf nach – ein Jahr Verzögerung, vielleicht auch nur ein halbes, je nach Frucht. Das war ein Preis, den er zu zahlen bereit war. Er gab ihnen sein gräfliches Ehrenwort.

Die Saat und das lange Warten

Die Frauen kehrten also nach Oldehof zurück. Noch im selben Herbst begannen sie mit einer Arbeit, die alle Nachbarn verwunderte. Sie pflügten ein gewaltiges Feld direkt um den Hof herum um. Doch sie säten kein Getreide.

Als das Frühjahr kam, brachten sie säckeweise Eicheln aus – die Früchte des mächtigen Biggenbooms, die sie eifrig gesammelt hatten. Sorgfältig setzten sie eine Eichel nach der anderen in langen, geraden Reihen in die Erde. Die Monate vergingen. Der nächste Sommer kam und ging, und der Herbst färbte das Land schon wieder braun.

Graf Enno erinnerte sich an sein Versprechen. Er schickte seine Boten nach Oldehof, um nachzusehen, ob die Ernte schon in den Scheunen lag. Doch die Boten kehrten mit einer merkwürdigen Nachricht zurück: Es gäbe nichts zu ernten. Nur winzige grüne Triebe würden aus der Erde schauen.

Wütend und etwas verunsichert, ließ Enno die drei Frauen erneut zu sich rufen. Er warf ihnen vor, ihn hintergangen zu haben. Doch Etta blieb ganz ruhig. Sie erklärte ihm, dass die Natur ihren eigenen Rhythmus habe. Sie hätten Eicheln gesät, so wie sie es angekündigt hatten. Und sie würden erst gehen können, wenn diese Saat Früchte trüge – wenn also die Eicheln von den Bäumen fielen, die sie gerade erst gepflanzt hatten.

Stille im Saal

In diesem Moment wurde es still im Thronsaal von Aurich. Graf Enno erkannte die Falle. Er wusste, dass eine Eiche Jahrzehnte, wenn nicht sogar ein Jahrhundert braucht, bis sie die ersten Früchte trägt. Er war überrumpelt worden von einer einfachen Bauerntochter aus Selverde.

Zuerst stieg der Zorn in ihm auf, seine Wangen röteten sich. Doch dann – und das ist das Schöne an dieser Geschichte, über die in vielen Aufzeichnungen berichtet wird – siegte sein Sinn für Humor und seine Bewunderung für diesen scharfsinnigen Geist. Er begann laut zu lachen. Er sah ein, dass er gegen diese List nicht ankam, ohne sein eigenes Wort vor aller Welt zu brechen.

Er erlaubte den Nonnen, so lange in Oldehof zu bleiben, bis die Bäume ihre ersten Früchte trugen. Das war faktisch ein Wohnrecht auf Lebenszeit für alle Beteiligten.

Das Klostervorwerk blieb bestehen, bis schließlich die letzte Nonne in hohem Alter verstarb.

Etta von Selverde wurde zur Legende. In Dokkum wurde ihr später sogar eine Gedenktafel errichtet. Und wenn ihr heute durch Ostfriesland fahrt, vielleicht das Fundamet des Klosters besucht, das in einem herrlichen Wald bei Hesel zu finden ist, dann denkt daran:

Es ist eine Geschichte aus einer längst vergangenen Zeit, ja. Aber wenn man genau hinhört, dann hallt sie bis in unsere Gegenwart nach. Damals war es ein Graf mit Federkiel und Jagdhorn, heute sind es andere, die glauben, dass ihnen die Welt allein deshalb gehört, weil sie die Hebel der Macht in den Händen halten. Doch Etta hat uns gezeigt, dass es eine Kraft gibt, die stärker ist als jedes Dekret: die unerschütterliche, kluge Geduld derer, die das Land wirklich verstehen.

Denn am Ende bleibt eine Gewissheit:

Man kann einem Volk zwar das Land rauben, aber niemals den Verstand.
Ein Verstand, der weiß, wie man aus einer Hand voll Eicheln eine Ewigkeit macht.

Wenn ihr das nächste Mal an einem Flohmarkt vorbeikommt oder auf Rebuy schnüstert, haltet die Augen besonders nach alten Büchern offen – man weiß nie, welche Schätze auf vergilbtem Papier schlummern!

Das war die Geschichte der klugen Etta von Oldehof. Ich hoffe, sie hat euch ein wenig Wärme in den Tag gebracht. Ein Gruß geht heute an Max Grund und seine Tochter, denen ich hoffentlich die Geschichte noch rechtzeitig zum Tee senden kann :)

Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt, willkommen zur „Friesenzeit“.

Viele Grüße,
Jürgen


Sage neu geschrieben von Jürgen Jester

Weiterführende Links:

Ettas Heimatdorf https://de.wikipedia.org/wiki/Selverde

Kloster Barthe: https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Barthe

Für weitere Vertonung dieser Episode nutzte ich diese tollen Stücke, mein Dank geht an:

Für weitere Vertonung dieser Episode nutzte ich diese tollen Stücke, mein Dank geht an:

Titelmusik von Julius H. from Pixabay

Musik-Untermalung lizenziert bei Phat Phrog Studio

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Über Jürgen

Moin! Ich bin Jürgen und einer der beiden Köpfe hinter Nakieken.de – neugierig, kreativ und oft mit der Kamera oder dem Notizbuch unterwegs. Als Mediendesigner mit einem Faible für gutes Design und echte Geschichten schreibe ich hier über das, was mich bewegt: Reisen, die den Horizont erweitern, kreative Projekte, die das Leben bunter machen – und die kleinen, besonderen Momente im Familienalltag. Gemeinsam mit meiner Partnerin (und manchmal auch als Team) entsteht hier ein Blick auf die Welt, der persönlich ist – mit Herz, Humor und einer Portion norddeutscher Gelassenheit. Ob am Meer, auf dem Spielplatz oder beim nächsten Geistesblitz: Ich nehme euch mit – zum Nakieken, Nachdenken und Nachfühlen.❤️

4 Kommentare zu “Die Sage der klugen Nonne Etta vom Klostervorwerk Oldehof – Friesenzeit #16

  1. John sagt:

    Da hat die Nonne Etta es dem Grafen aber gezeigt.
    Eine sehr schöne Geschichte und wie immer sehr gut erzählt.

    1. Jürgen sagt:

      Vielen herzlichen Dank John,
      ich denke wir brauchen viel mehr Ettas :-)
      Viele Grüße aus Wiesmoor
      Jürgen

  2. chaoslady sagt:

    Hi, Jürgen! Dankeschön für diese tolle Geschichte. Wirklich beeindruckend. Macht mich traurig und optimistisch. Liebe Grüße. Natalia

    1. Jürgen sagt:

      Dankeschön Natalia, es gibt immer Hoffnung. Man darf sie nur nicht aufgeben…
      Liebe Grüße und Danke für Deine lieben Zeilen
      Jürgen

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