Friesenzeit (Podcast)

Die Sage vom ‚Witte Aaland‘ – Friesenzeit #17

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Jürgen Jester

Stellt euch vor, es ist der kürzeste Tag des Jahres. Der Himmel ist grau, der Wind pfeift und an eurer Tür klopft ein Fremder, der niemals altert.

Er bietet euch Geld für ist eine Fahrt, die kein lebender Seemann freiwillig antreten würde.

In der heutigen Folge von Friesenzeit begleiten wir den Fischer Jan Hugen auf seiner dunkelsten Reise: Eine Überfahrt mit unsichtbarer Fracht, deren Ziel ein Ort ist, der auf keiner Seekarte verzeichnet ist – das Witte Aaland.

Kommt mit an Bord, wenn wir an Grenze zwischen Leben und Tod segeln….

Liebe Grüße aus Ostfriesland,

Jürgen


Das Transcript der Folge:

Willkommen bei einer neuen Folge von „Friesenzeit“. Heute habe ich eine Geschichte für euch, die an die Grenze zwischen unserer Welt und dem Reich der Schatten führt. Ich habe sie in einem alten, abgegriffenen Buch ostfriesischer Sagen, das nach der Widmung Gerald aus Norden 1966 von mutter und Vater zur Kommunion geschenkt bekam – hier ein Foto:

Bucheinband mit Widmung

Bucheinband mit Widmung

 

Die Sage, die ich euch heute erzählen möchte geht um Jan Hugen, einen armen Fischer aus Neßmersiel. Doch geht es dabei nicht um den Fischfang. Es geht um einen Auftrag, den man nicht ablehnen kann, und um eine Reise, die wir alle eines Tages antreten müssen.

Legt euch ein Kissen in den Rücken, schließt vielleicht die Augen und stellt euch vor, ihr steht an der äußersten Kante des Deiches, dort, wo das Land endet und die Unendlichkeit des Wattenmeeres beginnt.

Teil 1: Der Fischer von Neßmersiel

Jan Hugen war ein Mann, der das Schweigen gelernt hatte. Sein Haus war kein stolzer Hof, sondern eine kleine, Hütte am äußersten Ende von Neßmersiel, in der schon sein Vater und Urgroßvater grlebt hatten. Direkt gegenüber liegt auch heute noch die Insel Baltrum – Beermeroog, wie man sie damals nannte.

Wenn der Wind scharf von Nordwesten kam, peitschte die Gischt bis an seine Fensterläden. Jan war Fischer. Er kannte jede Priel, jede Untiefe und das tückische Spiel der Gezeiten vor der ostfriesischen Küste. Sein Leben war karg; es reichte meist nur gerade so, um seine Frau und die Kinder satt zu bekommen.

Doch es gab da diesen einen Tag im Jahr, vor dem Jan sich immer noch fürchtete, obwohl er den Segen, den er brachte, doch so dringend brauchte. Es war der Tag der Wintersonnenwende – der kürzeste Tag des Jahres, an dem das Licht kaum die Kraft hat, den grauen Himmel zu durchbrechen.

Und pünktlich um Schlag zwölf Uhr geschah es jedes Jahr aufs Neue. In der Stunde, in der die Schatten am kürzesten sind, klopfte es an die Holztür und herein trat ein Mann, der Jan Hugen immer seltsam vertraut vorkam, obwohl er ihn nur einmal im Jahr sah. Er schien niemals zu altern. Er war klein, stämmig und trug Kleidung, die so gar nicht in seine Fischerhütte passen wollte: Ein Mantel aus feinem, gelbem Tuch mit glänzenden Silberknöpfen, schwarze Samthosen und seidene Strümpfe. Seine Schnallenschuhe waren so blank gewienert, als wäre er gerade erst aus einer Kutsche gestiegen, ohne jemals den schlammigen Kleiboden der Marsch berührt zu haben.

Der Fremde stellte immer dieselbe Frage: „Bin ich hier recht beim Vetter Fischermann? Darf ich ein Wort mit Euch sprechen?“

Teil 2: Das Handeln um die Seelen

Jan wusste, was nun kommen würde. Er führte den Gast an das kleine Fenster, das den Blick hinaus aufs Watt ermöglichte. Der Fremde erklärte, er habe eine Ladung zu verfrachten und suche einen Schiffer.

„Wohin soll die Reise gehen?“, fragte Jan jedes Mal, obwohl er die Antwort längst kannte.

„Nach Witte Aaland“, lautete die Antwort. Der Weg war präzise vorgegeben: Unter Baltrum hindurch, die Akumer Ee hinaus, immer geradeaus bis nach Störkensmuh – dorthin, wo die Welt für die Lebenden endet.

Als Jan Hugen sich nach der Ladung erkundigte, antwortete der Fremde mit einer eisigen Stimme: „Es sind die verstorbenen Seelen des vergangenen Jahres.“

Ein Schauer lief Jan über den Rücken. „Das ist mir zu schaurig“, entgegnete er, wie er es jedes Jahr tat. Doch der Fremde antwortete nur schlicht: „Wir müssen alle nach Witte Aaland.“ Ein Satz, den Jan nichts entgegenzusetzen hatte. Es war schließlich die Wahrheit.

Schließlich ging es ums Geschäftliche. Der Fischer war ein praktischer Mann. Er schätzte die Fracht wieder auf etwa dreitausend Seelen. Man feilschte um den Lohn. Der Fremde bot einen halben Pfennig pro Kopf an, doch Jan bestand auf zwei Pfennigen – einem „Krummsteert“. Eine Nachtfahrt mit einer solchen Fracht war gefährlich, und die Angst musste bezahlt werden. Der Fremde willigte ein, zählte das Geld Stück für Stück auf das hölzerne Fensterbrett und verschwand so lautlos, wie er gekommen war.

Teil 3: Die unsichtbare Fracht

Die Nacht kam wie jedes Jahr wieder viel schnell und schwarz über Neßmersiel. Als die Kirchturmuhr Mitternacht schlug, stand Jan Hugen an seinem Boot unter dm Deich. Er hatte die Segel bereit und die Lampen gelöscht, so wie es vereinbart war. Der Mond verbarg sich hinter dichten Wolken.

Zuerst sah er nichts. Er hörte nur das Glucksen des Wassers gegen den Rumpf. Doch dann spürte er es. Das Boot begann zu schwanken. Es sackte tiefer und tiefer in das Wasser ein, Zentimeter um Zentimeter, so als würden unsichtbare Lasten an Bord gehievt. Es war ein unheimliches Gefühl – ein Schiff zu steuern, das schwer beladen war, auf dem man aber keine einzige Gestalt erblicken konnte.

Als die Schaluppe so tief im Wasser lag, dass die Reling fast die Wellen berührte, wusste Jan: Die Ladung war vollzählig. So setzte er stumm das Segel.

Die Fahrt durch die Akumer Ee war mit diesem Auftrag immer ganz anders als sonst auf See. Es war absolut still auf dem Meer. Kein Vogelruf, kein knarren des Holzes, kein Klatschen der Wellen. Nur manchmal hörte er ein leises Rascheln, wie von Mäusen, die durch trockenes Stroh huschen.

War es der Wind in den Segeln? Oder war es das Flüstern von tausenden Stimmen, die keine Kehlen mehr hatten? Weiße Nebelstreifen flossen um das Boot herum, verwebten sich ineinander wie geisterhafte Finger. Jan starrte starr nach vorn, die Hand fest am Ruder, während die Sterne über ihm still funkelten.

Teil 4: Witte Aaland

Schließlich tauchte es aus der Dunkelheit auf: Witte Aaland. Es war kein Land aus Erde und Stein. Es schien aus sich selbst heraus schwach zu leuchten, wie ein fernes Gestirn, das auf dem Wasser ruhte. Jan brachte das Schiff zum Stehen und legte an einem unsichtbaren Ufer an.

Plötzlich zerriss die Stimme des Fremden die Stille. Er stand nicht neben Jan, und doch schien seine Stimme von überall her zu kommen. Er begann, Namen zu rufn. Einen nach dem anderen. Es waren die Namen derer, die im letzten Jahr von der Erde gegangen waren.

Jan Hugen hielt den Atem an. Er hörte Namen von Menschen aus weit entfernten Städten, aber dann hörte er auch Namen aus Neßmersiel. Er hörte die Namen von Nachbarn, mit denen er noch im Sommer am Deich gestanden hatte. Er hörte den Namen des alten Schusters und den des kleinen Kindes, das im Frühjahr vom Fieber geholt worden war.

Wieder packte ihn das Grauen. Er sah zu, wie sein Schiff mit jedem gerufenen Namen ein Stück höher aus dem Wasser stieg. Die Last wurde leichter. Die Seelen verließen das Holz und gingen hinüber in das weiße Leuchten. Jan schüttelte die Angst ab und dachte an das, was er dem Fremden gesagt hatte: „Wir müssen da ja alle hin.“ Es war kein Ort des Schreckens, es war einfach der Ort der Bestimmung.

Outro und meine Abschlussgedanken

Als der letzte Name verhallt war und das Schiff wieder leicht und leer auf den Wellen tanzte, wendete Jan sein Boot. Er segelte zurück in die Welt der Lebenden, während hinter ihm das Witte Aaland im Morgennebel verschwand.

Jahr für Jahr tat Jan Hugen diesen Dienst. Er konnte seine Familie ernähren – dank des Fremden, aber er wurde auch von Jahr zu Jahr weiser.

Er hatte gelernt, dass das Ende nicht das Nichts ist, sondern dass das Leben eine Reise ist.

Diese alte Geschichte erinnert uns an etwas, das wir in unserer lauten, modernen Welt oft vergessen. Wir bauen Mauern, wir häufen Reichtümer an, und Menschen streben nach einer Macht, die über das Schicksal anderer bestimmen will.

Doch die Legende vom Witten Aaland flüstert uns eine Wahrheit zu, die all diese Grenzen einreißt.

Denn egal, wie hoch die Mauern sind, die wir errichten, oder wie groß der Stolz ist, den wir vor uns hertragen:

 

Auf der letzten Fahrt sind wir alle gleich schwer – und am Ende zählt nicht, was wir besessen haben, sondern dass wir bereit sind, wenn unser Name gerufen wird.

Ich danke euch fürs Zuhören und freue mich schon jetzt auf die nächste „Friesenzeit“.

Passt auf euch auf …


Weiterführende Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Witte_Aaland

https://www.mgmindex.de/index.php?title=Krummsteert


Geschichte neu geschrieben und vertont von Jürgen Jester

Für weitere Vertonung dieser Episode nutzte ich diese tollen Stücke, mein Dank geht an:

Freie Musik by Julius H. from Pixabay

Weitere Musik lizenziert von Phat Phong Studio

Realisierung: Medi2go.de aus Wiesmoor

 

 

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Über Jürgen

Moin! Ich bin Jürgen und einer der beiden Köpfe hinter Nakieken.de – neugierig, kreativ und oft mit der Kamera oder dem Notizbuch unterwegs. Als Mediendesigner mit einem Faible für gutes Design und echte Geschichten schreibe ich hier über das, was mich bewegt: Reisen, die den Horizont erweitern, kreative Projekte, die das Leben bunter machen – und die kleinen, besonderen Momente im Familienalltag. Gemeinsam mit meiner Partnerin (und manchmal auch als Team) entsteht hier ein Blick auf die Welt, der persönlich ist – mit Herz, Humor und einer Portion norddeutscher Gelassenheit. Ob am Meer, auf dem Spielplatz oder beim nächsten Geistesblitz: Ich nehme euch mit – zum Nakieken, Nachdenken und Nachfühlen.❤️

3 Kommentare zu “Die Sage vom ‚Witte Aaland‘ – Friesenzeit #17

  1. Stephan sagt:

    Lieber Jürgen,
    Herzlichen Dank für die neue Folge, wie so oft mit Tiefgang und mitschwingenden Gedanken, die im Kopf der Hörerinnen entstehen. Ich frage mich, wie kindgerecht solche Geschichten sind. Meine Mutter hat meiner Schwester und mir damals einige Geschichten und Gute-Nacht-Lieder vorgetragen, bei denen mir heute noch die Gefühle der Angst und Unsicherheit präsenter sind als die Geschichten selbst, wenn ich an sie denke. Die Generation, die ihre Kindheit im Krieg erleben musste und der es auch nach dem Krieg nicht erlaubt oder möglich war, das Erlebte aufzuarbeiten, war hart zu sich selbst und mitunter auch zu den eigenen Kindern. Kein Vorwurf, lediglich eine Beobachtung, die ich nicht nur in der eigenen Familie gemacht habe. Liebe Grüße, ich freue mich jetzt schon auf die nächste Sage aus Ostfriesland.

  2. Stephan sagt:

    P.S.: Mein Kommentar war übrigens überhaupt nicht auf deinen Blog und Podcast gemünzt, die Gedanken kamen mir beim Betrachten der Widmung in dem Buchband.

  3. Marco sagt:

    Wieder mal eine wunderschöne – wenn auch ein wenig düstere und bisweilen gruselige – neue Folge Friesenzeit mit einem nachdenklichen Ende, vielen lieben Dank! Deine Stimme ist einfach wunderbar für Podcasts gemacht. :-)

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