Slenderman und die uns unbekannten Mutproben unserer Kinder

Slender Man GraffittiSlender Man Graffitti

Beitragsbild by mdl70 (http://www.flickr.com/photos/8459320@N03/) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons

Keine Altersfreigaben in Google Play und dem AppStore sind in meinen Augen ein weitreichendes Problem. Immer mehr Kids haben heute ein Smartphone mit Android oder iOS. Viele Eltern verschließen sich dazu häufig den Dingen, die die Kinder im Internet tun, weil man sich ‚um andere Dinge kümmern‘ oder schlichtweg andere Interessen hat. Doch das, liebe Eltern, holt euch früher oder später ein, wie ein aktueller Fall aus meinem Freundeskreis und an der Grundschule zeigt.

Die Geschichte, von der ich erzählen möchte, beginnt bei Freunden, die wir an einem Abend besucht haben. Geradezu beiläufig erzählte mir der 10jährige Sohn meines Freundes, wovor er sich am meisten fürchtet. Überrascht lausche ich, als ich nebenbei den Rechner der Familie von Plagegeisten aus dem Internet säubere und präventive Maßnahmen für die Zukunft einrichte.
Der Junge greift das Thema auf, als ich meine Tochter ins Esszimmer zu Mama schicke, die sich dort mit den anderen Eltern unterhält. Gerade lief die Serie „StarWars – CloneWars“ und ich finde mit 7 Jahren muss man das noch nicht sehen – doch das soll jeder selbst entscheiden. Wie sich gleich herausstellen soll, gibt es viel schlimmere Bedrohungen für unsere Kinder, als mir bisher klar war.

Mutproben mit möglichen Spätfolgen für die Psyche

Warnung vor dem Verfolger

Eine Warnung im Wald. Der Sinn sei mal dahingestellt … wir Erwachsenen haben den nötigen Abstand.

‚Mutproben finden im Cyberspace statt‘, erfahre ich nebenbei und bin interessiert. Der Junge brauche wirklich jemanden, dem er das Erlebte schildern konnte – scheinbar lieber einem Freund der Familie, als den eigenen Eltern, die (wie sich später herausstellt) von diesem Fall keine Ahnung hatten.

So erfahre ich im Gespräch, dass größere Kinder die kleineren Kinder bedrängen (und mit ihren Mitteln zwingen) sich am Abend im Dunkeln alleine auf Spiele dem Smartphone einzulassen und dies entweder mit verschickten Bildschirmfotos oder mit Zeugen beweisen müssen.

„Man soll sich noch in der Nacht an einsame Orte schleichen“, sagt er wenn er z.B. bei Freunden übernachtet. Dort muss er dann diese Art Spiele spielen … weiter kommt er nicht, seine Hände waren merklich zittrig, die Stimme bebte hörbar – daher ließ ich hier ab. Ich bin kein Psychologe, kann mich sehr gut in andere Personen einfühlen – der Junge hat schon sehr unter diesem Umstand gelitten. Ich war schockiert – an solche Möglichkeiten hatte ich bisher noch gar nicht gedacht. Doch da Grafik und Sound auf mobilen Geräten sich schon mit Spielekonsolen messen können, war es wohl nur eine Frage der Zeit, dass solche Spiele auch „Zweckentfremdet“ werden. Ich google nach den Spielen Slenderman bzw. Slender und lese folgende Zitate in Google Play, die schon vom Stil nicht von Erwachsenen stammen können (oder sind wir schon so tief gesunken?):

„Das hier ist auf jeden Fall besser als das andere :) Aber ich würde es besser finden das alles echter wirkt aber sonst cool :)) Denn ich und meine Freundin waren im Wald ( so ca. 23:00 uhr und wir hatten Jeff der Mörder an ) danach drehten wir uns um und da stand im Spiel Jeff der Mörder, wir legten sofort das Handy weg aber dann….. stand da wirklich ein Mann!!!!“

„Ich hab mir fast mit einem Freund in die Hose gemacht so geil ;)“

Übrigens, Wikipedia definiert Slender so: „Die Figur soll sich außerhalb möglichst fern von Wohngebieten, bevorzugt nachts in Wäldern, aufhalten und nachts Kinder in unbekannte Orte entführen und töten. Zudem kann sich der Slender Man teleportieren. Seine Besonderheit ist die passive Aggression des Slender Mans, die ihre Opfer erst in den Wahnsinn treibt, bevor er diese holt und tötet.“

Wir haben hier in meinem Büro auch Steam auf den PCs installiert, hier gibt es zumindest eine Alterskontrolle und wir haben verschiedene Accounts für Kinder und Erwachsene. Leider ist in AppStores bisher keine Barriere, die Kinder vom Zugriff abhält. Zu behaupten, „Jugendliche dürfen eh noch keinen Handyvertrag besitzen,“ hält diese nicht von der Nutzung ab.

Die Uhr tickt vielleicht auch in Deinem Kind

Zurück zu dem Abend bei unseren Freunden: Ein Film soll mich aufklären, also suchte der Junge mir auf YouTube etwas raus und verließ das Zimmer – „er wolle sich das nicht ansehen“. Wow … ok, ich suchte den Film von dem Abend mal raus und setze diesen hier in den Beitrag ein, so kann sich jeder mal schnell selbst ein kleines Bild machen, wenn das noch nötig ist.

Eltern müssen aktiv werden und wieder mehr kommunizieren

Nicht nur Kinder sind heute einer Reizüberflutung ausgesetzt – wir Erwachsenen auch. So hofft man ja häufig, dass die Kinder uns schon erzählen, was diese belastet. Das ist ein Fehler, werdet aktiv und sucht wieder den Kontakt – in sozialen Netzwerken werdet ihr sonst den Abstand zu den Kindern eher vergrößern, wenn diese darauf zugreifen können. Was sagte mir neulich ein anderes Kind in der Schule, „Die im Netz hören zu…“ – ja toll! Und dann höre ich (gezwungenermaßen) Eltern oder Erziehungsberechtigten bei den Gesprächen vor unserer Grundschule in Egels zu, wenn wir auf die Kinder warten, die es täglich abzuholen gilt: Wie manche sich über Onlinedienste wie Facebook oder WhatsApp unterhalten ist erschreckend. Wenn man sich dezent mit einer kritischen Meinung einmischt, wird jede Art von Risikogedanken und Vorbildfunktion sofort als unerwünschtes Gesprächsthema deklariert und das Thema mit dem ‚Ist ja alles gar nicht so Schlimm“-Stempel versiegelt und abgelegt. Es ist eben leichter etwas zu ignorieren als sich dem zu stellen – unsere Gesellschaft macht es uns ja auch überall vor.
Doch diese Eltern wissen nicht, dass sie den Anschluss schon verloren haben. Wenn diese Kinder hier auf die (bildliche) Überholspur im Umgang mit den Medien wechseln, werden solche Eltern, die noch die sprichwörtliche „Auffahrt zur Datenautobahn“ beschildern, bald nicht mal mehr eine Schranke kontrollieren können.

Hier beginnt das Spiel des Lebens: Grundschule Egels

Die Frage ist an jeden gerichtet und ohne Alterseinschränkung anzusehen: Wem vertrauen Sie sich mit einem Problem lieber an – jemandem der sich für ein Problem interessiert oder … was denken Sie, wen Ihre Kinder fragen? Wenn sie das Glück haben, dass Ihre Kinder überhaupt jemanden um Hilfe bitten oder um Rat fragen, dann hoffe ich, dass es die richtigen Menschen sein werden. Sie oder Freunde hoffe ich … aber nicht „jemand aus dem Internet“.
Soziale Netzwerke sind nicht umsonst als Mobbingquellen anzusehen, aber vieles ist Hausgemacht – wenn „Opfer“ die eigenen Schwächen öffentlich schreiben, freuen sich schon jene die daraus etwas stricken um eure Kinder noch mehr zu quälen. Soweit darf man es nicht kommen lassen, helft dass sich die Kinder sicher bewegen können und erklärt, warm man nicht alles ‚öffentlich‘ schreiben darf.

Die Zeiten ändern sich, sagten schon unsere Eltern. Heute sind es jedoch wir, die der Entwicklung kaum nachkommen, außer man hat als Vater (oder Mutter) das Glück in diesem Bereich beruflich aktiv oder sozial engagiert zu sein. Ich wünsche euch viel Zeit um diese Themen nicht aus den Augen zu verlieren, wir müssen schützen, so lange wir das können.

Bleibt am Thema,
euer Jürgen

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