Ein Buch je Reise: „Open City“ von Teju Cole

„Open City“ von Teju Cole (2011) ist ein belletristischer Spaziergang durch die geschäftige Welt von New York. Gleichzeitig ist das Buch ein philosophischer Spaziergang durch die innere Welt des Protagonisten. Julius stammt aus Nigeria und arbeitet als Doktor. Er spaziert in seiner Freizeit zur eigenen Erleichterung durch Downtown Manhattan. Dabei begegnet er unterschiedlichen Orten und Menschen. Unterdessen führen ihn seine Gedanken in die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er beschreibt die Stadt auf seinen Spaziergängen als facettenreichen Lebensraum. Zugleich entdeckt er sich selbst auf ausgedehnten Gedankengängen als vielschichtige Persönlichkeit. Der Roman ist das Debut des Autors und ideal für den Urlaub.

Ich empfehle Ihnen, „Open City“ zu lesen. Teju Cole vollzieht in 21 Kapiteln einzigartige Spaziergänge durch das New York der Jetztzeit nach. Der Jungautor beschreibt wortgewandt und mit forschendem Blick die Begebenheiten auf Julius‘ Wegen. Er setzt die Wesen und die Dinge in Beziehung zur Stadt, zur Kultur und zur Geschichte. So erhalten Sie als Leserinnen und Leser eine Vielzahl von Einsichten in die Kulturgeschichte der „Offenen Stadt“ Manhattan und den Lebensweg eines ihrer Bewohner. Durch die sehr persönliche Perspektive des Protagonisten gelangen Sie zudem an sonst sicher unzugängliche Orte wie die Baustelle von 9/11 und in nicht alltägliche gesellschaftliche Konstellationen, etwa in einem Gespräch zwischen Julius und einem marokkanischen Intellektuellen. Sofern Sie selbst einmal New York besuchen wollen, erlesen Sie sich mit dem Buch eine unübertrefflich charmante Einstimmung auf das Leben im Zentrum der Stadt.

Spazieren Sie mit dem Autor durch die Bildwelten des Buches! Teju Cole nimmt Sie auf die Wege seines Alter Ego Julius mit, zeigt Ihnen das Leben im Hier und Jetzt als Hintergrund für geistige Ausflüge und entlässt Sie nach jedem Kapitel mit neuen Einsichten. Ich selbst bin leidenschaftlicher Spaziergänger und habe „Open City“ am Ende langer Arbeitstage in der englischen Originalfassung gelesen. Mit den zutiefst städtischen Stimmungen des Buches bin ich jede Nacht Kapitel für Kapitel ins Bett gegangen. Ich habe mich sehr intensiv mit den Erlebnissen und Gedanken von Julius eingelassen und schätze die Weitläufigkeit seiner Ansichten. An einem Abend suchte ich auf einer Karte im Internet die Orte des Buches noch einmal auf. Ich wollte mir nach der inspirierenden Lektüre auf einem eigenen Spaziergang ein Bild von den Erlebnissen des Protagonisten machen. Denn Cole ist ein Poet und beschreibt in präzisen Bildern die Atmosphäre von Manhattan: Manchmal bedrückend, meist aufschlussreich und nicht selten einfach schön. Für mich erbrachte die Lektüre die Erkenntnis, dass die „Offene Stadt“ New York als Symbol für unsere tiefe Beziehung zur Stadt steht und das Spazierengehen einen zeitgenössichen Ausdruck für diese Beziehung darstellt. Sie müssen kein Spaziergänger sein: „Open City“ ist ein kultureller Spaziergang in Buchform.

Bis bald,
Jürgen

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