Eine kurze Geschichte meiner Zeit

Michael Müller aka BarryMichael Müller aka Barry

Bild: Mit Michael Müller alias Barracuda auf dem Studentenwohnheim – und wir kannten Matrix noch nicht, waren aber schon vorher cool :-) (Casion QV 100)

Wie viele meiner Alters- und Artgenossen, die sich seit frühester Kindheit mit Elektronik und Computern beschäftigen, werfe auch ich gerne immer wieder einen Blick in den Rückspiegel. Denke an die guten Freunde zurück, die tollen Treffen und Veranstaltungen. Meine Freunde die zu den Pionieren zählten, wo ich gefühlt nur Mitläufer war, opferten mehr Zeit und zeigten mehr Ehrgeiz als alle anderen Freunde, die nichts mit diesem Hobby gemein hatten. Jeder, einschließlich mir, hatte seine besonderen Fähigkeiten, Überzeugungen und Träume. Nein, ich meine keine Idole wie Zuse, von dem hatte ich bis dato noch nichts gehört, sondern die Ideale unserer Jugend – die besten Freunde, die Kellerkinder waren wie (Du und) ich. Die auch darüber lachten, wenn einer wieder bei einer Frau abgeblitzt ist, weil er wieder von seinem Computi erzählte. Sehe ich deshalb so gerne „Big Bang Theory“ – weil man sich und andere darin wiedererkennt? Zu dieser Zeit gab es nichts besseres um die Frauen auf Distanz zu halten – nur hatten wir keine Ahnung wie man das umkehren könnte :-) Heute sind die GamerKids in Asien ganz anders angesehen, wenn man diese ProGamer sieht, die bei den World Cyber Games antreten – die Mädels fallen hier um wie in den 70ern bei Elvis. Nun in 25 Jahren musste sich ja auch endlich etwas ändern. Ach und noch eine schöne Sache – es war alles so herrlich unkompliziert: Datenschutzprobleme hatten wir nicht – die hatten nur alle anderen. Das Problem entstand erst, als jeder Lamer eine EDV Anlage benutzte ohne davon Ahnung zu haben. Diese Leute mussten dann wiederum Leute beschäftigen, die sich damit auskannten … manchmal hatten die aber auch keine Ahnung und dafür nur einen neuen Job. Die Geburt neuer Probleme in der Branche. Tja, was hat sich auch jeder einen Computer zulegen müssen ;-) Es war doch gut wie es war, oder nicht?
Es war die Zeit, in der Freundschaft unter uns Gleichgesinnten alles war. Erste Programmierkenntnisse und das Verlangen etwas in der Welt verändern zu müssen, so lebten wir mit Monitorprogrammen und Disassemblern, gelben Posthörnchen und getunter Hardware die selten noch den Leistungsangaben der Hersteller entsprach. Und je fremder das System einer solchen Maschine war, desto besser. Nur selten hatte jemand vom SMCC (Speyrer Micro Computer Club) oder SMT (Spectrum Mittwochstreff) noch einen Rechner, der aussah wie aus dem Kaufhaus. Heute Modded jeder von der Stange, aber „Inside“ ist fast alles gleich, es wurde nur individuell für den Konsumenten verpackt. Nur im Sinne der Personalisierung, denn damit erkannte man, lässt sich auch toll Geld verdienen.

Es war die Zeit des Plus4, dem C64 und später dem Commodore Amiga (ja, und auch dem Atari ST nicht vergessen). Unsere Computerplätze waren übersät von Kabeln, Disketten und Lötkolben mit jeder Menge ausgedruckten Protokollen und Programmcode auf Endlospapier – hier hatte man noch einen „Rasenmäher“ auf dem Tisch – ein Drucker, der im Unterhalt viel günstiger war als heute, da dieser noch mit Nadeln durch ein klassisches Farbband druckte – wie bei einer antiken Schreibmaschine. Das war vielleicht etwas laut, aber sehr zeitgemäß und nicht so empfindlich wie heute! Auch waren wir mit unseren 300 Baud mit dem Modulationsverfahren zur Datenfernübertragung ganz glücklich – da wir nur Text übertrugen, reichte es anfangs aus, denn schneller lesen konnte doch eh keiner. Heute muss alles in QuadHD sein, alles fotorealistisch gedruckt werden – das „Problem“ hatten wir zu dieser Zeit nicht. 99% aller Informationen waren nun mal Text – Bilderdaten gab es in unserer Verarbeitung seltener, außer diese entsprang mathematischen Formeln oder waren ‚handgezeichnete‘ Sprites die wir versuchten hübsch zu animierten. Da es also noch keine DigiCams gab, wollte auch nie jemand einen Foto-Drucker, der Markt war noch nicht geboren.

Dafür hatten wir etwas, was die viele Kids heute gar nicht mehr haben: die Gemeinschaft, die uns stärkte. Wenn der ComputerClub rief, kamen wir auch wieder raus und morgens erst nach Haus :-) Die Kinder heute erleben vieles ganz alleine und anonym. In der Stadt hatte ich es in meiner Jugend sicherlich einfacher. Doch seit ich im nordwestlichsten Niedersachsen wohne, merke ich wie schädlich Internet für Kinder ist, wenn diese etwas weiter „ab vom Schuss“ leben. Sehr viel Anschluss finden diese nicht… einen Computerclub habe ich hier in Aurich und Umgebung auch noch nicht gefunden.

Ist das legal was die da machen?

Wie gerne erinnere ich mich an meinen ersten Tripp zum SMT nach Ludwigshafen. Ich hatte mich an diesem Tag mit meinem Amiga 1000 noch in der Meerspinne eingewählt. Dies was ein BBS auf einem C64 in Neustadt. Vom Betreiber erfuhr ich im Chat vom „heutigen“ treffen im Postsportverein Ludwigshafen – und ob ich nicht auch kommen wollte?
Mit meiner neuen 80er konnte ich schlecht einen Amiga mit Monitor von Speyer nach Ludwigshafen bringen. Also brachten mich meine Eltern „bis zur Tür“. Hier traf ich zum ersten Mal Olaf Boos, Günter Rieder, Holger Kasporovski, Tom Eckel (?), Matthias und DD. Wen hab ich vergessen? Es ist schon so lange her – egal: Ich wurde im Nebenraum des Postsportvereins herzlich begrüßt. Sah mir jede Maschine an – vom Plus4, VC20 und Spectrum war alles dabei. „Nun“, eigentlich ist es ein 8 Bit Treffen erfuhr ich dann, als ich wohl jedem die Shop stahl. Nach reiflicher Überlegung brauchte ich nur Dublic Domain Disketten mit, FredFish und ACS läßt grüßen. Die anderen waren schon fleißig am kopieren und wunderten sich etwas über meine Sorgen, die ich sicher nur hatte, da ich erst beim SMCC eine Razzia der Polizei miterlebt hatte. Also Vorsicht!
Der Abend verlief toll, ich erfuhr von ‚Tramps‘ neu geschriebenen Betriebssystem für den +4 und Günnis Spracherkennungsprojekt mit dem C64. Mit verlauf des Abends hatte ich so ziemlich jeden mit meiner Coppysession-Paranoia angesteckt. Günter versteckte erfolgreich die 5 1/4 Disketten hinter den Bilderrahmen um Raum – und andere taten es ihm gleich. Der Vorhang ging auf als der Wirt wieder mal reinschaute und uns fragte, ob es denn noch was zu trinken sein darf. In dem Moment verließ jemand den Raum und warf die Tür hinter sich zu. Die Welle bebte durch den Raum und erst dann erkannte ich, dass der Extra-Raum in der Gaststätte nur mit Rigipsplatten abgeteilt war.
Der Wirt staunte und blickte sich um – hinter allen Bilderrahmen im Raum stürzten Disketten an den Wänden herab. Unsre Gruppe überspielte das mit Humor und niemand machte sich weiter Sorgen. Doch der letzte Gang von der Toilette an der Bar vorbei brachte es ans Licht – ich vernahm nur noch „… ist das eigentlich legal was die da machen …“.
Die Angst war da! Als ich den Hinterraum und unsere Computerparty erreichte hatte ich bereits nasse Hände. Die Erinnerungen an die letzte Razzia erzählte ich den neu gewonnen Freunden vom belauschten Gespräch.

Wir ziehen um zu Olaf – dort gehts weiter

Zügig aber nicht verängstigt trafebn wir die einzig richtige Vorsichtsmaßnahme – wir brechen die Zelte ab und fahren alle zu Olaf in die Wohnung im 13 Stock eines BASF Hochhauses. Ich erinnere mich noch immer wie wir in den kleinen Nissan Sunny mit 4 Leuten mit der Hardware einstiegen, ich hatte ja auch keinen fahrbaren Untersatz. Darmals ging das einfach – als hätte jemand schnell den Laderaum des Sunnys neu definiert :-) Es ging los – die kleine Kolonne verließ den Postsportverein Ludwigshafen – glücklich die Gaststätte von diesen Lamern zu verlassen. Ich freute mich schon auf Olafs HQ als in diesem Moment zwei Sixpacks in die Straße reinfuhren – so nannte man die Busse der Polizei.

Günther Rieder und ich

Günther Rieder und ich

Die Flucht war genau rechtzeitig gelaufen und wir sollten noch eine tolle Nacht vor den Flimmerkisten haben. Ich erinnere mich noch als die Sonne aufging fuhr Olaf mich nach Hause. Es war der Beginn einer tollen Freundschaft – und vielen neuen Freunden.

Diese Geschichten von Erlebnissen, Freunden und Computerspielen aus dieser Zeit, über die ich selbst immer wieder auf anderen Fan-Sites lese, muss ich mal langsam niederschreiben ehe ich alles irgendwann im hohen Alter vergesse *grins* – man muss ja alles versuchen um die Erinnerungen zu erhalten ;-) Macht ihr das auch?

Also ich würde mich freuen wenn wir uns hin und wieder hier lesen – bei einem Ausflug in die Computer- und Videospielgeschichte mit alten Freunden.
Euer
Jürgen

In Gedenken an zwei gute Freunde, die leider heute nicht mehr unter uns sind: Rainer Wöhrle auch unter Anti-Byte bekannt und Olaf Boos auch als Blue Elephant bekannt. Ihr habt beide mein Leben sehr positiv beeinflusst und sehr bereichert. Ich danke euch für eure Freundschaft, ihr bleibt mir unvergessen.

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