Der wilde Osten Mitteleuropas

FlugzeugterminalDas wars, weg ist er, der Flieger

Der Mann von der Bundespolizei lächelt. „Nein, Sie können nicht mehr an Bord. Der Flugsteig ist schon zu. Ihr Gepäck können Sie in unserem Büro abholen“. Wir, zwei Freunde, schauen uns vollkommen bedient an. Das fängt ja gut an. Wir planen eine Reise in Europas unbekannten Osten und schon beim Aufbruch bleiben wir im Hunsrück auf einem Regionalflughafen hängen. In 24 Stunden sind wir in der slowakischen Hauptstadt Bratislava verabredet. Danach wartet Wien auf uns, wo wir am Südbahnhof ein weiteres Treffen vereinbaren wollen und in Brünn soll dann der verdiente zweitägige Kurzurlaub mit Sightseeing und Kulturprogramm stattfinden.

Bleibt nur der Landweg

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Letzte Chance: Eine Reisesuchmaschine‎ wie GoEuro

Nun muss ein guter Rat her, und wie so oft in den modernen Zeiten finden wir diesen online. Auf der Website http://www.goeuro.de/ vergleichen wir die Reisepreise der Möglichkeiten, die uns nun noch zur Weiterreise bleiben: Reisebus, Mietwagen oder Bahn. Die Entscheidung ist schnell gefallen. Wir lösen ein teures deutsches Bahnticket an die tschechische Grenze und kämpfen uns dann mit günstigen Bummelzügen über Prag nach Bratislava durch. Am ersten Bahnhof hinter der Grenze lösen wir die Passage bis Prag. Wenn der Zug den Fahrplan einhält, sind wir in fünf Stunden in Prag – für den Spottpreis von rund drei Euro. Wir rattern an so berühmten Städtenamen wie Karlsbad und Pilsen vorbei und am frühen Morgen landen wir in der tschechischen Hauptstadt. Zwei Stunden Frühstückspause bleiben uns, bevor wir in die Bummelverbindung nach Brünn einsteigen müssen. Das reicht, um einen stilechten Kaffee im Café Kafka zu uns zu nehmen und auf der Karlsbrücke an einer der Statuennasen zu reiben, was der Sage nach Glück bringt. Dann sitzen wir im Zug durch das unbekannte Zentraltschechien.

Durchs ganze Land für zwölf Euro

Landschaft mit Wiesen und Wäldern

Im Zug nach Prag: Sieht doch aus wie in Deutschland!

Während der ersten Stunden hinter Prag gleicht die vorbeifliegende Landschaft jeder ländlichen Gegend in Deutschland. Erst wenige Stunden vor Brünn wird der Horizont hügeliger, die Ausläufer der Karpaten und des Riesengebirges zeigen sich. Die Halte entwickeln sich zu grob gezimmerten Bahnsteigen mit einem Unterstand und wenn jetzt Rübezahl um die Ecke böge, es würde uns nicht wundern. In Brünn kaufen wir den Fahrschein für die letzte Etappe nach Bratislava und haben sofort Anschluss. Für zwölf Euro Fahrkosten sind wir von der bayrischen Grenze bis in die slowakische Hauptstadt gekommen, haben in Prag gefrühstückt und zwanzig Stunden gebraucht.

Der Klassenfeind lässt grüßen

Auch wenn die Slowakei zur EU gehört und nicht wirklich weit weg ist, erstaunt uns diese Stadt. Wir suchen den vereinbarten Treffpunkt, das Hotel Kiew, in der Nähe des Stadtzentrums. Es ist tatsächlich der größte Betonklotz der Stadt, mit kyrillischen Buchstaben beschriftet und vorm Eingang steht ein Page in Uniform. Er ist sicherlich schon sechzig Jahre alt und trägt auf stolz geschwellter Brust eine Unmenge militärischer Abzeichen und Orden. Wahrscheinlich war er in seinem früheren Leben Sowjetgeneral und so schaut er auch. Wir treten in die dunkel getäfelte Hotelhalle ein und fühlen uns wie in einem Museum für osteuropäische Vorwendekultur. Hier werden wir sicherlich nicht für die Nacht unterschlüpfen und morgen früh so schnell wie möglich nach Brünn aufbrechen.

Eine Metropole im Wachkoma

Schild mit Beschriftung für Versorgung

Wenn das Humor sein soll, so haben wir diesen nicht verstanden!

Wir haben für wenige Euro eine Unterkunft gefunden, in einem Industriegebiet als Hostel beschrieben. Der Fußweg dorthin kann in dunklen Seitenstraßen der New Yorker Bronx nicht anders wirken, aber wir erreichen unser Ziel unversehrt. Der grantige Pförtner gibt uns den Zimmerschlüssel. Als wir uns im Etagenbad frisch machen wollen, fühlen wir uns endgültig in die Bronx versetzt. Beim Zähneputzen hören wir den Gesprächen anderer Hostelgäste, oder passender Mitinsassen, an und wundern uns über tätowierte Muskelpakete, die über Geburtstagsgeschenke für ihre Mütter sprechen. Am Abend wollen wir am Hauptbahnhof noch etwas essen gehen, aber um zehn Uhr abends haben leider alle Gastronomiebetriebe bereits geschlossen.

Zurück in die Zivilisation

Nach diesen Erfahrungen erscheint uns Brünn als der Hoffnungsschimmer am Horizont, was unser Allgemeinwohl und unsere Ernährung angeht. Erleichtert lassen wir uns in die Sitze des Überlandbusses fallen und fühlen uns Minuten später wie im siebenten Himmel. Eine Stewardess oder im Bus eher Hostess bietet uns frischen Kaffee und Snacks an – selbstverständlich im Preis inbegriffen. Leichte Hintergrundmusik erhöht den Komfort, den die mit großzügiger Beinfreiheit versehenen weichen Sitze bieten. Der dunkle Osten wird wieder ein wenig lichter – Brünn, wir kommen.

Viele Grüße,
euer Jürgen

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Kategorie Deutschland, Familienurlaub

Hallo, ich bin Jürgen, Familienvater mit dem Drang die Welt mit meiner kleinen Familie zu entdecken. Wenn wir uns nicht gerade in Ostfriesland aufhalten finde ich hin und wieder die Zeit für Reiselektüre, tippe hier in unserem Urlaubs- und Reiseblog oder poste Bilder auf unserem Instagram Profil :-) Schaut doch mal rein. Bis bald!

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